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Projektbeschreibung

In sozialen und digitalen Medien sind dschihadistische Akteure mit ihren audiovisuellen Medienproduktionen besonders erfolgreich. Durch komplexe und vielschichtige mediale Angebote wollen sie einem breiten Publikum ihre Überzeugungen, Werte und Normen, ihre ideologiegeleitete Interpretation der Realität sowie ihr Verständnis von Religion, Herrschaft und Gesellschaft vermitteln. Insbesondere die aufwendig produzierten Videos sollen durch ihre Ästhetik aber auch durch die spezifischen Themen und Narrative unterschiedliche Zuschauergruppen ansprechen. Zudem werden diese Videos auf sozialen Medien beworben und sind in kommunikative Zusammenhänge eingebunden, in denen der dschihadistische Hintergrund nicht immer eindeutig erkennbar ist oder aber beispielsweise durch medial inszenierte Gewaltdarstellungen erhöhte Aufmerksamkeit erfährt.

Zugleich setzt sich eine Vielzahl von Akteuren mit diesen kommunikativen Angeboten interpretativ wie kreativ-gestalterisch auseinander. Künstler*innen, Aktivist*innen, Journalist*innen, Wissenschaftler*innen aber auch muslimische Expert*innen oder Netzaktivist*innen setzen sich in medial vermittelte Äußerungen und Medienproduktion mit dschihadistischen Medien auseinander. Durch diese diskursiven und digital-medialen Bezüge tragen sie zu den Konfigurationen, Deutungs- und Interaktionszusammenhängen bei, die um dschihadistische Medienproduktion entstehen und werden damit auch Teil des Forschungsfelds Dschihadistische Audiovisualitäten und ihre Verflechtungen.

Die interdisziplinäre Nachwuchsforschergruppe Dschihadismus im Internet: Bilder und Videos, ihre Aneignung und Verbreitung macht dieses Forschungsfeld zu ihrem zentralen Erkenntnisinteresse.

Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bringt das Projekt über fünf Jahre sieben Wissenschaftler*innen aus den Disziplinen Ethnologie, Medien- und Filmwissenschaft, Islamwissenschaft und Medieninformatik zusammen. Gemeinsam fragen sie danach, was Dschihadist*innen kommunizieren, wie sie ihre Positionen vermitteln und wie Menschen mit diesen Angeboten umgehen.

Unsere Forschung konzentriert sich auf die Medialität dschihadistischer Bilder und Videos und kombiniert ethnografische Methoden mit neuen digitalen Methoden der Geistes- und Kulturwissenschaften in der Verbindung von fünf erkenntnisleitenden Achsen:

  1. Logische und diskursive Strukturen, auf Grundlage derer Akteure ihr Denken und Handeln strukturieren.
  2. Audio-Visuelle Medien und deren Konfigurationen in Sprech-, Klang- und Bildakten sowie die formalästhetischen und rhetorischen Textstrukturen.
  3. Akteure, die an der Produktion, Distribution oder Auseinandersetzung mit Dschihadistischen Audiovisualitäten beteiligt sind.
  4. Handlungen und Praktiken der Akteure.
  5. Kontextfaktoren als Einflussgrößen für Handlungen und Praktiken auf sozialer und medialer Ebene.

Ziel ist es, spezifische mediale Strategien und Logiken im dschihadistischen sowie im daran anschließenden nutzergenerierten Inhalt – sei es affirmativ, sei es als ‚Gegenrede‘ – aufzudecken. Insbesondere interessiert uns, welche Verfahren und Bezüge genutzt werden, die die Attraktivität, Akzeptanz und potenziellen Wirkungen beeinflussen können. Unsere medienethnografischen Untersuchungen sollen dabei Aufschluss darüber bringen, inwiefern diese Inhalte im On- und Offline-Alltag vor allem junger Menschen eine Rolle spielen.

Die Erkenntnisse des Projektes sollen Medien- oder Radikalisierungsforschungen ergänzen. Sie können zuallererst einen Einblick geben, welche Bedeutung dschihadistische Botschaften in der Lebenswelt der Nutzer*innen haben und welche kommunikativen Verflechtungen aus den vielfältigen Auseinandersetzungen mit diesem Material entstehen. Mittelfristig werden die Beobachtungen in eine Onlineplattform überführt, auf deren Grundlage Informationen zur politischen Bildung, Handreichungen für Aufklärungs- und Präventionsprojekte oder Pressestellen und politische Entscheider*innen erarbeitet und bedarfsgerecht zur Verfügung gestellt werden.

Team

CGünther_Profil
Christoph Günther
Simone Pfeifer
Bernd Zywietz
Bernd Zywietz
Yorck Beese
Alexandra Dick
Larissa-Diana Fuhrmann
Mirko Scherf

Publikationen

Yorck Beese

Bereits erschienen:
2018: „Exekutionsvideos des Islamischen Staates. Filmsprache, Zielpublika und rhetorische Potenziale.“ In: Zeitschrift für Semiotik 39 (3-4). Tübingen: Stauffenberg. 71–105.

2018: „The Structure and Visual Rhetoric of the Martyrdom Video: An Enquiry into the Martyrdom Video Genre.“ In: BEHEMOTH. A Journal on Civilisation 12 (1). Freiburg: Bibliothek der Universität Freiburg. 74-93.

Forthcoming:

mit Baaken, Till (voraussichtlich Dezember 2019): noch unbetitelte Kooperation mit Modus ZAD

(voraussichtlich 2020): „Der Datensatz IS 2018 A/B. Eine Studie des ideologischen Potenzials von IS-Propaganda im Sommer 2018.“ (erscheint in: Tagungsband der SiFo-Sommerakademie 2018)

(voraussichtlich 2020): „Animationen in jihadistischer Videopropaganda: Bewegung unter dem Gebot des islamischen Anikonismus.“ In: Propaganda des IS – Formate und Formen.

mit Zywietz, Bernd (voraussichtlich 2020): „Appropriation in Islamic State Propaganda: A Theoretical and Analytical Framework of Types and Dimensions.“ In: Propaganda des IS – Formate und Formen.

mit Pfeifer, Simone et al. (voraussichtlich 2020): „Inside the Islamic State’s Media – Eine kollaborative Videoanalyse.“ In: Propaganda des IS – Formate und Formen.

Dissertationsprojekt: Der Film des Islamischen Staates.

Alexandra Dick

2019: The Sounds of the Shuhadāʾ: Chants and Chanting in IS Martyrdom Videos. In: BEHEMOTH – A Journal on Civilisation 12 (1): 89-104.

2019: Anāshīd und der mediale Jihad des Islamischen Staates. In: Zeitschrift für Semiotik 39 (3-4) (2017): 55-70.

Christoph Günther

2018 (mit Tom Bioly) Testimonies to a New Social Order: The Islamic State’s Iconic Iconoclasm. In: Kerstin Schankweiler, Verena Straub and Tobias Wendl (Hrsg.): Image Testimonies. Witnessing in Times of Social Media. London: Routledge, 152–164.

2018 (mit Tom Bioly): „Wir halten es für notwendig, alle Formen der Vielgötterei zu zerstören.” Ikonoklasmus und Ikonografie des Islamischen Staates. In: Birgit Münch, Andreas Tacke, Marckwart Herzog and Sylvia Heudecker (Hrsg.): BilderGewalt: Zerstörung – Zensur – Umkodierung – Neuschöpfung. Petersberg: Michael Imhof Verlag, 161–170.

Simone Pfeifer

2019 (mit Lene Faust): Dealing with Challenging Research Situations. Audio Guide as part of the Somatics Toolkit – Extended Practice.

Bernd Zywietz

2019: Propagandistische Text-Akte, Text-Funktionen und funktionale Relationen: Theoretisch-konzeptionelle Überlegungen zu einem Analyseansatz. In: Zeitschrift für Semiotik, 39. Jg., Nr. 3-4 (Jahrgangsband 2017), S. 31–54. 

2019: Ästhetisierung zwischen schockhafter Provokation und ethisch-moralischer Notwendigkeit – Zur Analyse der visuellen Botschaften des ‚Islamischen Staats‘ als Propaganda und als Gegenstand der Berichterstattung. In: Clemens Schwender, Cornelia Brantner, Camilla Graubner, Joachim von Gottberg (eds.) (2019): zeigen / andeuten / verstecken. Bilder zwischen Verantwortung und Provokation. Köln: Herbert von Halem, S. 198–214.

2018 (mit Klaus Sachs-Hombach) (Hrsg.): Fake News, Hashtags & Social Bots. Neue Methoden populistischer Propaganda. Wiesbaden: Springer VS.

2018 (mit Klaus Sachs-Hombach): Einführung: Propaganda, Populismus und populistische Propaganda. In: Klaus Sachs-Hombach und Bernd Zywietz (Hrsg.): Fake News, Hashtags & Social Bots. Neue Methoden populistischer Propaganda. Wiesbaden: Springer VS, 1–11.

2018: F wie Fake News – Phatische Falschmeldungen zwischen Propaganda und Parodie. In: Bernd Zywietz und Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.): Fake News, Hashtags & Social Bots. Neue Methoden populistischer Propaganda. Wiesbaden: Springer VS, 97–131.

Veranstaltungen

Kontakt

Dr. Christoph Günther
Institut für Ethnologie und Afrikastudien
Forum universitatis 6
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz
E-Mail: contact[at]jihadism-online[dot]de